| Der Herstellungsprozeß piezoelektrischer
Keramiken Die
Eigenschaften der piezoelektrischen Keramiken werden in starkem Maße vom (keramischen)
Herstellungsverfahren beeinflußt.
Der chemischen Beschaffenheit nach handelt es sich bei den piezoelektrischen
Keramiken um oxidische Systeme mit komplexer Zusammensetzung (s. Abschnitt 3). Die
chemischen Reaktionen erfolgen größtenteils in der festen Phase.
Der keramische Prozeß gestattet die Synthese von Werkstoffen aus einfachen
(oxidischen, karbonatischen) Pulvern. Dabei sind in gleicher Weise von Bedeutung die
Bildung der chemische Zusammensetzung und wie die des dichten polykristallinen Gefüges.
Der keramische Prozeß bietet die Möglichkeit der Herstellung einer Vielfalt von
geometrischen Formen aus piezoelektrischen Keramiken mit unterschiedlichen Spezifikationen
für unterschiedliche Anwendungen.
Die Synthese von Piezokeramik: Mischoxid- Technik und zweistufiger
thermischer Prozeß
Trotz der unterschiedlichen stofflichen Zusammensetzung bestehen
für den technologischen Ablauf prinzipielle Gemeinsamkeiten in der Prozeßfolge (Bild 7).
Dabei gilt es, die in der Regel pulverförmigen Ausgangsstoffe bis zur Synthese der
Zusammensetzung zu verarbeiten und durch den Sinterprozeß den polykristallinen Körper
mit den definierten physikalischen Eigenschaften zu verdichten. Die Fertigung der
piezoelektrischen Keramiken auf der Basis von Bleizirkonat- Titanat (PZT) erfolgt im
wesentlichen durch konventionelle Aufbereitung [9],[15], [16] und thermische Reaktion von
Pulverkomponenten nach der Mischoxid- Technik.

Bild 7. Typische Prozeßfolge zur Herstellung
von Bleizirkonat- Titanat (Pb(Ti, Zr)O3)
Synthese von Bleizirkonat- Titanat- Keramik
Bei der Herstellung piezoelektrischer Keramiken auf der Basis Pb(Ti, Zr)O3
erfolgt eine zweistufige thermische Behandlung.
Die erste Stufe soll der Synthese der jeweiligen Zusammensetzung dienen. Die
Bildungsbedingungen (Temperaturregime) werden weitgehend durch die Beschaffenheit der
Ausgangspulver bestimmt. Die Reaktionen, die allgemein die Verbindungsbildung umfassen,
werden als Kalzinieren oder Vorsintern bezeichnet. Beim Kalzinieren laufen mehrere
Vorgänge ab: Die Zersetzung von Rohstoffen führt zur Absonderung gasförmiger
Nebenprodukte (z.B. CO2, O2). Bei der Reaktion des Vielphasen-
Pulvergemisches wird die erforderliche Verbindung gebildet. Diese Reaktion läuft
vornehmlich in der festen Phase ab. Die Synthese einer Zusammensetzung durch
Festphasenreaktion ergibt sich aus der chemischen Reaktion, die bei atomarer Diffusion bei
Temperaturen unterhalb der Schmelzpunkte der Rohstoffkomponeneten abläuft. Die Bildung
von Bleizirkonat- Titanat ist bei etwa 800°C abgeschlossen.
Durch eine zusätzliche Mahlung nach dem Kalzinieren erhöht sich die Homogenität
der Keramik. Von der Bildungsreaktion werden die Mahlbedingungen für die Einstellung
einer bestimmten Teilchengrößenverteilung und für die mechanische Aktivierung bestimmt.
Von Teilchengröße und Aktivierungszustand hängt das Sinterverhalten der Keramik ab.
Formgebungsverfahren
(zum Inhaltsverzeichnis)
Halbfabrikate piezokeramischer Bauteile mit größeren Abmessungen
("Bulk"- Keramiken) werden in überwiegendem Maß durch Trockenpressen von
Pulver- Granulaten hergestellt.
Als weiteres Verfahren zu Herstellung keramischer Halbfabrikate ist das
Schlickergießen bekannt. Ein sehr vielseitiges Verfahren der feuchten Formgebung ist das
Gießen von Schlicker auf eine bewegliche Unterlage (Doctor blade technique). Die
Herstellung dünner Folien mit einer Dicke von 25 bis 1000 µm (im gesinterten Zustand)
aus Schlicker als Suspension von keramischen Pulver in einem wäßrigen oder
nichtwäßrigen Flüssigkeitssystem, bestehend aus Lösemitteln, Plastifikatoren und
Bindemitteln, ist in engen Toleranzen zu beherrschen, wenn der Schlicker unter einer
Klinge (Rakel) auf der beweglichen Unterlage abgestrichen wird.
Durch Verdampfung der Lösemittel sind die feinen Pulverteilchen in ein relativ
festes, flexibles Band geformt, das aufgerollt oder in kontinuierlicher Folge weiter
verarbeitet werden kann. Aus den großflächigen Bändern können Halbzeuge beliebiger
geometrischer Form gestanzt werden.
In für den Aufbau von Vielschicht- Aktoren wesentlichen Fertigungsschritten werden
gestanzte Folien- Halbzeuge verarbeitet. Das Laminieren von mit Innenelektroden bedruckten
Folien erfolgt unter Druck und bei erhöhter Temperatur.
Sintern von
Piezokeramiken
Die Verdichtung der aus den kalzinierten und feingemahlenen Pulvern hergestellten
durch Pressen bzw. Foliengießen hergestellten Formkörper erfolgt durch Sintern bei
höheren Temperaturen als beim Kalzinieren.
Der Sinterprozeß piezoelektrischer Keramiken besteht im wesentlichen aus drei
Intervallen, wie im folgenden Bild 8 dargestellt.

Bild 8. Der Sinterprozeß piezoelektrischer
Keramiken
In dem Maße, wie die kombinierte Reaktion
nach dem Kalzinieren nicht vollständig abgelaufen ist, setzt sich die chemische Reaktion
bis zur Vervollständigung der PZT- Phase beim Sintern fort. In einer
Rekristallisationsphase erfolgt das Wachstum der Kristallite im keramischen Gefüge, von
deren Größe die strukturellen und damit auch die ferroelektrischen Eigenschaften
abhängen.
Die elektrischen und mechanischen Eigenschaften der ferroelektrischen Keramiken
werden sowohl durch die Wahl der Zusammensetzung als auch durch Parameter des keramischen
Bildungsprozesses bestimmt. Der Einfluß von Prozeßparametern zur Bildung des
polykristallinen Gefüges der Keramiken auf die elektrischen und mechanischen
Eigenschaften ist nicht einfach zu separieren [ 13] ,[ 14] .
Die piezoelektrischen Keramiken als oxidische Systeme müssen in neutraler oder
schwach oxidierender Atmosphäre gebrannt werden. Bei festen Lösungen das Systems
Pb(Ti,Zr)O3 liegen die Sintertemperaturen im allgemeinen bei 1150 -1250 °C.
Das Sintern piezoelektrischer Keramiken erfolgt in Elekro- Öfen. Kammeröfen
(Muffeln) sind für eine Produktion mit geringem Umfang geeignet. Einen kontinuierlichen
Betrieb gestatten Tunnelöfen mit einem zeitlich konstanten Temperaturregime.
Die relativ hohen Sintertemperaturen erfordern einerseits Vorkehrungen zur
Vermeidung von Bleiverlusten und damit der Störung der Stöchiometrie durch Verdampfung.
Zur Reduzierung der Bleiverdampfung werden die keramischen Formkörper in der
Serienproduktion in geschlossenen Al2O3- Kapseln gesintert.
Die tatsächlichen Sintertemperaturen sind nicht nur abhängig von der
Zusammensetzung, sondern auch von der Vorgeschichte des jeweiligen Materials, also vom
Aktivierungsgrad und von der Größe des Primärkorns [17], [18] ,[19].
Spezielle Verfahren der Pulverkonditionierung ermöglichen schließlich das
Cofiring von Laminaten mit Innenmetallisierung für monolithische Vielschicht- Aktoren bei
1000°C.
Mechanische Bearbeitung
Die Formgebung für die piezoelektischen Keramiken setzt bereits vor dem
Sinterprozeß entsprechend dem angewandten Verfahren, wie Trockenpressen und
Foliengießen, ein.
Beim Sintern ändert sich weniger die Gestalt der vorverdichteten Keramikhalbzeuge
als die Dichte infolge Verringerung der Porosität und "Schwindung" der
geometrischen Abmessungen.
Die in ihrer Gestalt beim Sintern erhaltenen piezoelektrischen Keramiken müssen
zum überwiegenden Teil mechanisch bearbeitet werden, um geometrische Abmessungen und
Oberflächenbeschaffenheit in engen Toleranzen zu gewährleisten. Denn neben
Materialeigenschaften bestimmen geometrische Abmessungen die funktionellen Eigenschaften.
Die mechanische Bearbeitung erfolgt durch Schleifen, Läppen und Polieren sowie
durch Trennsägen unter Verwendung von Siliziumcarbid-, Korund und Diamant-
Schleifkörpern (Schleifscheiben, Schleifpulver unterschiedlicher Körnung).
Metallisierung
Elektrisch leitende Beläge, Elektroden, sind fester Bestandteil
piezoelektrischer Keramiken: ohne Elektroden kann an die piezoelektrischen Keramiken zum
Zweck der Polung keine Gleichspannung angelegt werden, und ohne Elektroden ist es nicht
möglich, die piezoelektrischen Keramiken unter Nutzung des direkten bzw. inversen
piezoelektrischen Effektes als elektromechanische Wandler zu betreiben.
Als Elektroden werden für piezoelektrische Keramiken in überwiegendem Maße
Silberbeläge verwendet. In der Massenproduktion erfolgt zum Aufbringen solcher Beläge
der Siebdruck von pastenförmigen Silberpräparaten. Derartige Präparate enthalten neben
Silberverbindungen (z.B. Ag2O) eine Glaskomponente (Fritte) und organische
Löse- und Bindemittel.
Durch Einbrennen der Paste bei 500 bis 800 °C entsteht aus der Silberverbindung
metallisches Silber, das in der geschmolzenen Fritte eingebettet wird, so daß nach dem
Abkühlen über die Fritte eine feste Verbindung mit der Piezokeramik- Unterlage zustande
kommt.
Von der Qualität der Metallbeläge (Leitfähigkeit, Haftfestigkeit) hängt die
Qualität der Piezokeramiken in starkem Maße ab. Typische Schichtdicken, die sich durch
Siebdruckpasten realisieren lassen, liegen bei etwa 5 bis 10 µm, und die Haftfestigkeit
erreicht etwa 10 MPa.
Alternative Verfahren zum Silbereinbrennen sind die stromlose Abscheidung
(electroless plating) von Nickel- Gold, Bedampfung im Vakuum mit Silber, Gold oder Platin,
Katodenzerstäubung (Sputtern) von Kupfer, Kupfer- Nickel oder Aluminium.
Polung
Der Polungsvorgang dient der Einstellung der remanenten Polarisation der
Keramiken: In dem bis dahin isotropen Material erfolgt eine weitgehende Orientierung der
ferroelektrischen Domänen. Die elektrische Feldstärke muß dabei oberhalb der
Koerzitivfeldstärke liegen.
Für unterschiedliche Zusammensetzungen kann die erforderliche Feldstärke sehr
verschieden sein. Der Wert hängt von der "Beweglichkeit" der ferroelektrischen
Domänen in dem jeweiligen keramischen Gefüge ab. Mit steigender Temperatur verringert
sich generell die Polungsfeldstärke, und die Polung verläuft mehr oder weniger in
Abhängigkeit von der Einwirkungsdauer des elektrischen Feldes.
Kommerzielle Zusammensetzungen für unterschiedliche Anwendungen können in wenigen
Sekunden bei 2 kV/mm und Raumtemperatur bis zu Sättigungswerten gepolt werden
("weiche" piezoelektrische Keramiken), während andere erst bei der doppelten
Feldstärke bei erhöhter Temperatur (100 bis 150° C) und nach 10 min eine nennenswerte
Remanenz zeigen ("harte" piezoelektrische Keramiken).
Wegen der niedrigen Durchschlagsfestigkeit von Luft erfolgt die Polung insbesondere
"harter" piezoelektrischer Keramiken in Ölbädern, die zudem eine einfache
Möglichkeit der Polung bei erhöhten Temperaturen bieten. |