Auf
dem Weg zu fernen Welten ...
– Interview mit dem Keramikunternehmer Martin Sembach

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"Keine
Angst, wir bleiben mit beiden Beinen auf der Erde, aber tatsächlich ist
ein Kanalvervielfacher aus unserer Keramik von uns, in der Raumsonde Cassini
seit 1997 auf dem Weg zum Saturn," witzelt Martin Sembach lachend.
Er ist ein junger dynamischer Unternehmer, der in der vierten Generation
für die seit 1904 im idyllischen Lauf an der Pegnitz nahe Nürnberg ansässigen
Firma Sembach GmbH & Co. KG die Verantwortung trägt. Bisher hat der
400-Mann-Betrieb ca. 20.000 verschiedene Bauteile entwickelt, konstruiert
oder angepasst. Gegenwärtig werden 1.500 verschiedene Typen gefertigt
und in hohen Stückzahlen geformt und gesintert. Die keramischen Produkte
kann man sich in der Regel nicht im Katalog aussuchen, jedes einzelne
entsteht vielmehr in engem Kontakt mit dem Kunden. Der Hauptwerkstoff
für Bauteile heißt hier Stealan. Dies ist nach DIN EN 60 672 ein Steatit
mit kleinem elektrischen Verlustfaktor (C 221), der auf dem Mineral Speckstein
basiert. Steatit zeichnet sich durch hohe Festigkeit, sehr gute elektrische
Eigenschaften und einen z.B. sehr kleinen elektrischen Verlustfaktor aus.
Daneben werden weitere Silicatkeramiken, Aluminiumoxid und Zirkonoxid
mit unterschiedlichen Verfahren hergestellt. |
| Aus
der fast unübersehbaren Palette der erfolgreichen Anwendungen seien nur
einige herausgegriffen: Reglerteile, Buchsen, Achsen, Halogenlampensockel,
Heizleiterträger, Widerstandsträger und Bauteile für die Laserherstellung.
Allein
3.000 Tonnen Speckstein gehen pro Jahr durch unsere Formgebungsmaschinen
und Brennöfen. Das Besondere an diesem Betrieb ist, dass man die Verarbeitungsmaschinen
selbst konstruiert und baut, mit welchen man optimale Produktionsabläufe
und -ergebnisse erhält. |
Konstruktionspraxis
sprach mit Martin Sembach in seinem Unternehmen, das Steatitprodukte weltweit
verkauft, über die Besonderheiten der Keramikproduktion, aktuelle Trends
und darüber, warum Keramik auf vielen Feldern den herkömmlichen Werkstoffen
eine ganze Menge voraus hat. |
Konstruktionspraxis:
Herr Sembach, Technische Keramik ist ein Werkstoff der Zukunft, wie beurteilen
Sie die Hypothese: Zukunftswerkstoffen kann ein Wachstumspotential von
20% p.A. zutrauen, für Technische Keramik? |
Sembach:
Das ist sicherlich ein wenig zu hoch gegriffen. Man kann aber von einer
jährlichen Steigerung von fünf bis sieben Prozent ausgehen. Starke Impulse
gehen dabei vom Maschinenbau aus. Bei Standardteilen beobachten wir zwar
einen gewissen Preisverfall, man kann allerdings nicht von einem allgemeinen
Trend sprechen. Uns trifft es weniger, da wir stets auf neue innovative
Kundenlösungen setzen und gelten nicht zuletzt deshalb in der KFZ-Zuliefererindustrie
als A-Lieferant, darauf sind wir besonders stolz. |
| Konstruktionspraxis:
Was bewegt Sie und wo stehen Sie heute? |
| Sembach:
Ich bin ein Mensch, der in die Zukunft schaut und ständig auf der "Flucht"
nach vorn ist. Der Produktionsprozess
bei uns wird durch eine hohe Fertigungstiefe geprägt. Das geht vom Aufbereiten
der Rohstoffe bis zum Bau von Sondermaschinen. Dabei blicken wir auf fast
100 Jahre Erfahrung zurück und heute gilt es, an der Spitze der technologischen
Entwicklung mitzumarschieren und die qualitativen und wirtschaftlichen
Ansprüche unserer Kunden zufrieden zustellen. Unsere Fertigungslinien
und Öfen sind täglich, rund um die Uhr, im Einsatz. Da ergeben sich laufend
neue Erfahrungen. Erfahrungen die für Optimierung und Weiterentwicklung
an Maschinen, Werkstoffen und im Prozess genutzt werden können, d. h.
bei 100 Millionen keramischen Reglergehäusen die wir im Jahr für die Haushaltsgeräteindustrie
produzieren, eine stetige Qualitätsverbesserung. Das ist ein Kundenvorteil.
Die technische Keramik ist ein arbeitsintensiver Bereich. Zum Erhalt der
Wettbewerbsfähigkeit achten wir darauf, dass wir unsere Produktivität
und Qualität kontinuierlich verbessern. Die Zahlen zeigen es auch deutlich!
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| Konstruktionsprxis:
Welche Verarbeitungstechnik überwiegt bei Ihnen?
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| Sembach:
In erster Linie praktizieren wir das Trockenpressverfahren. Das granulierte
Rohmaterial wird in die kundenspezifischen Formen aus gehärtetem Stahl
gefüllt und je nach Werkstoff mit einem Druck zwischen 200 Kilogramm und
zwei Tonnen pro Quadratzentimeter gepresst.
Aktuell haben wir die beim Kunststoff gebräuchliche Spritzgusstechnik
eingeführt. Die Bauteile unserer Kunden werden anspruchsvoller. Die herkömmlichen
Verfahren reichen deshalb oft nicht mehr aus. Verstärkt werden sehr kompliziert
geformte Teile angefragt, bei deren Herstellung die Pressverfahren im
Hinblick auf die geometrische Gestaltung an ihre Grenzen stoßen.
Für das Spritzgießen wird dem Keramikpulver, bei uns Oxidkeramiken, zur
Verbesserung der Fließeigenschaften Kunststoff beigemischt. Diesen muss
man vor dem Brennen allerdings wieder entfernen. Mit dem Spritzgießen
haben wir wesentlich mehr Freiheiten bei der endkonturnahen Herstellung;
vor allem benötigen die Teile deshalb weniger Nachbearbeitung. Erfolgreiche
Beispiele für Spritzgussteile sind z.B. Düsen für Hochdruckreiniger, aber
auch Mahlwerke z.B. für Kaffeemühlen. |
Konstruktionspraxis:
Wie gehen Sie mit den Vorbehalten um, die manche Konstrukteure der Keramik
gegenüber herkömmlichen Werkstoffen, wie zum Beispiel Kunststoff, haben?
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| Sembach:
Wir wissen, dass die Keramik in puncto Abriebfestigkeit, Hitzebeständigkeit
und Resistenz gegenüber aggressiven Stoffen nicht zu schlagen ist. Geht
man von den Life-Cycle-Costs aus, bleibt die Keramik wegen nahezu unbegrenzten
Standzeiten der Sieger im Kostenvergleich.
Dieses wissen natürlich unsere Kunden, die langjährige Erfahrung mit dem
Einsatz von Technischer Keramik besitzen.
Ich kann von einem Fall erzählen, in dem man einen Widerstandsträger statt
aus Keramik aus Kunststoff fertigte. In einer Fehler-Simulation erhielt
der Widerstand Überlast. Die Folge: Der Träger ist abgebrannt. Dieses
Problem gibt es bei Keramik nicht; Keramik brennt nicht.
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| Konstruktionspraxis:
Was ist das Besondere am keramischen Fertigungsprozess?
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| Sembach:
Die Konstruktionszeichnungen für einen Sockel in einem Haushaltsgerät
enthalten z.B. 500 Maßangaben. Diese sind alle notwendig, um die Funktionsanforderungen
der daraus entstehenden Baugruppe einhalten zu können. Im Hinblick auf
den bei Keramik zu berücksichtigenden
Schwund beim Brennen (Sintern), von z.B. 35 Volumenprozent bei Steatit,
muss jeder Prozessschritt stimmen. Es erfordert ein besonderes Können,
welches sich dahingehend auswirkt, dass zum Beispiel bei einem 20 Gramm-Teil,
hergestellt in Millionenserie, bis zum letzten Teil die Toleranzen eingehalten
werden.
Jeder Schritt wird daher qualitätssicher verfolgt und dokumentiert. Jedes
Produkt ist in seiner Entstehung bis zum Wareneingang des Rohstoffs rückverfolgbar.
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| Konstruktionspraxis:
Entwickeln Sie ständig neue Rezepturen beim eingesetzten Rohstoff?
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| Sembach:
Wir haben eine Reihe Standardaufbereitungen, mit denen wir in der Regel
das notwendige Anforderungsprofil abdecken. Bei Neuentwicklungen, modifizieren
wir mit Rücksicht auf spezifische Kundenwünsche die Zusammensetzung der
Keramik. |
| Konstruktionspraxis:
Schließlich wandern die Rohlinge in den Brennofen zum Sintern. Geht es
da immer noch so genau zu? |
| Sembach:
Oh ja! Auch in unseren Tunnelöfen arbeiten wir mit sehr engen Toleranzen:
15 Stunden laufen die Teile durch Aufwärm-, Feuer- und Abkühlzonen. Dabei
bewegen sich die Schwankungen im Ofen im Bereich von plus/minus ein Grad
bei 1.300 Grad Brenntemperatur. Sonderkeramiken erfahren Sintertemperaturen
bis zu 1.800 Grad. |
| Konstruktionspraxis:
Worauf kommt es Ihnen als Unternehmer besonders an?
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| Sembach:
Es liegt mir viel daran, die Keramik als fantastischen Werkstoff, von
dessen Qualität und teilweise unerreichten vorteilhaften Eigenschaften
sich die Anwender von Technischer Keramik überzeugt haben, noch bekannter
zu machen. Wir möchten noch mehr Konstrukteure von den Vorteilen des Keramikeinsatzes
überzeugen und dabei zeigen, dass wir nie auf der Stelle stehen bleiben.
Keramik in der Automobilbranche ist nur möglich, wenn die Zulieferer die
hohen Qualitätsnormen erfüllen können. Wir haben für diese Kunden einen
Standard erreicht, der in der Industrie längst nicht selbstverständlich
ist.
Es liegt mir viel daran, ein gutes Betriebsklima zu haben. Dazu hilft
uns unser "gläserner" Betrieb, wo sich die Menschen als Mitarbeiter
mit sehr weitgehender Selbstverantwortung als Teil einer großen Familie
fühlen und sich mit den stets transparenten Zielen identifizieren.
Hilfreich für den Mitarbeiter, ist eine angenehme Gestaltung des Arbeitsumfeldes,
eine leistungsfähige vernetzte EDV mit PCs an allen Fertigungsstellen,
ein wirksames und schnelles Informationswesen, ständige Fortbildung und
ein schlankes Back Office. |
| Konstruktionspraxis:
Technische Fächer sind beim Berufsnachwuchs nicht gerade die Renner. Merken
Sie diesen Trend auch in Ihrem Unternehmen? |
| Sembach:
Wir haben uns rechtzeitig um den Nachwuchs gekümmert. Etliche Nachwuchskräfte
haben wir rechtzeitig direkt von den Hochschulen geholt. Das Durchschnittsalter
unserer Ingenieure liegt bei 35 Jahren. Außerdem haben wir mit Erfolg
Umschulungs-Trainee-Programme für fachfremde Mitarbeiter durchgeführt.
Aber Sie haben Recht, die schulische Qualifikation unserer Azubi-Bewerber
liegen nicht in dem von uns gewünschten, erforderlichen Niveau. Trotzdem
haben wir in diesem Jahr 18 Auszubildende in unserer Ausbildungsabteilung
und wollen im nächsten Jahr auf 24 aufstocken. |
| Konstruktionspraxis:
Sie waren auch auf der Hannover-Messe 2001 vertreten. Welche Eindrücke
haben Sie mitgebracht? |
| Sembach:
Hannover war sehr erfreulich. Obwohl die Besucherzahl nicht so hoch war
wie in früheren Jahren, waren die an uns herangetragenen Fragen anspruchsvoller.
Es tun sich eine Menge neuer Anwendungsgebiete für Technische Keramik
auf, und wir haben festgestellt, dass wir als Partner für Projekte stark
gefragt sind.
Konstruktionspraxis:
Herr Sembach, vielen Dank für das Gespräch! |
Veröffentlicht von Konstruktionspraxis
9.2001 |
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08. Januar 2004
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