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Konstruieren mit Keramik:
Ohne Ecken und Kanten
von Dipl.-Ing. Martin Hartmann
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Während der Umgang mit konventionellen
Werkstoffen wie Metallen und Kunststoffen den Ingenieuren
sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen ist, stößt die
Keramik auf mancherlei Vorbehalte. Ein Großteil dieser Vorbehalte
beruht jedoch auf der Unkenntnis keramikgerechter Konstruktionsregeln.
Werden die Regeln beachtet, ist die Keramik ähnlich unproblematisch
wie andere Werkstoffe auch. Allein das 'Gewußt wie' hilft
in fast allen Fällen weiter! |
| Die verantwortlichen Planungs- und Konstruktionsingenieure
in den Unternehmen haben im allgemeinen langjährige Erfahrungen
mit metallischen und polymeren Werkstoffen; andere Materialien
rangieren zunächst einmal unter 'ferner liefen' bzw. als 'interessant,
aber exotisch'. Speziell die Präferenz für Metalle beginnt schon
früh: In fast jeder gewerblichen Ausbildung gehört das Schleifen
und Fräsen von Metallen zur Pflichtübung. Neue oder nicht so
häufig eingesetzte Werkstoffe finden dagegen auch in der Ausbildung
wenig Beachtung. Das Problem dabei liegt auf der Hand: Womit
man nicht vertraut ist, das plant man natürlich konstruktiv
nicht ein. Infolge dessen fehlt es an langfristigen Erfahrungen
beispielsweise mit dem Werkstoff Keramik. Der Kreis schließt
sich... |
| Obwohl die Technische Keramik seit langem in der Industrie
eingesetzt wird und sich dort Standardanwendungen erobert hat,
ist der Umgang mit ihr keineswegs selbstverständlich. Dies macht
sich vor allem bei den konstruktiven Details bemerkbar: Zu oft
wird aus mangelnder Routine ignoriert, daß das Konstruieren
mit Keramik anderen, eigenen Regeln folgt. Ein Standardfehler:
Man kann im Gegensatz zu einem Wechsel von einem Metall
zu einem anderen beim Wechsel zur Keramik nicht einfach
die ursprüngliche Zeichnung 1:1 in ein Bauteil übertragen. Vielmehr
muß der Konstrukteur die technischen Elemente mehr oder weniger
neu entwerfen und dabei die keramikgerechten Konstruktionsrichtlinien
beachten (s.a. Text im Kasten). Eine weitere Besonderheit der
Keramik ist, daß sie ihre Grundform ('Grünkörper' genannt) bereits
vor dem eigentlich werkstoffbildenden thermischen Prozeß erhält.
Das Problem: Beim Brennen des geformten Bauteils setzt noch
ein Schwindungsprozeß ein, bis der eigentliche keramische Werkstoff
vor liegt. Nicht nur das Schwundmaß muß bei der Auslegung bereits
eingerechnet werden, diese Eigenart beeinflußt in entscheidendem
Maße auch die Konstruktion keramischer Bauteile! |
Spezielle Konstruktionsrichtlinien beachten
Um die vorteilhaften Eigenschaften des keramischen Werkstoffs
möglichst optimal nutzen zu können, gilt es, die bekannten
Problembereiche möglichst geschickt zu meiden. Die Nachteile,
wie Sprödigkeit, Fehlanpassungen an die metallene Umgebung
durch hohen E-Modul oder geringen Wärmeausdehnungskoeffizienten,
lassen sich mit geeigneten Gestaltungsmaßnahmen, also zum
Beispiel Funktionstrennung, Modultechnik sowie druckbelasteten
Bauteilen abschwächen oder ganz vermeiden.
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| Eine wesentliche Voraussetzung für die Entscheidung über die
technische Machbarkeit und über die Wirtschaftlichkeit (Preisfindung
aufgrund der Kostenkalkulation) ist eine vollständige und korrekte
Zeichnung. Die zu erwartenden Stückzahlen wirken sich entscheidend
auf die Wahl des Herstellungsverfahrens und dadurch auf die
Kosten aus. Kleinstserien, Einzelstücke und Versuchsteile werden
häufig aus einem grünen Rohling herausgearbeitet, während für
große Serien die Fertigung mit aufwendigen Werkzeugen z.B. beim
Trockenpressen, Strangpressen oder Spritzgießen unverzichtbar
ist. Nach verschiedenen Verfahren hergestellte Bauteile besitzen
nicht unbedingt identische Eigenschaften (Dichtegradienten,
Toleranzen, Wanddicken, Konizitäten, Eigenspannungen). Dies
ist vorallem bei der Übertragung von Ergebnissen aus Vorversuchen
auf die normale Fertigung zu berücksichtigen. |
Keine Spitzen und scharfen Kanten
Aufgrund des gänzlichen Fehlens plastischen Verformungsvermögens
bei niederen und mittleren Temperaturen versagt Keramik im
Bereich der kritischen Gefüge-Inhomogenitäten spontan beim
Erreichen der örtlichen Materialfestigkeit. Die hohen Spannungen
treten besonders im Bereich von kleinen Radien, scharfen Kanten,
Stufen und Absätzen, Bohrungen sowie im Bereich punkt- oder
linienförmiger Krafteinleitungen auf. Unter Umständen wird
hier aufgrund der teilweise erheblichen Kerbwirkung die Materialfestigkeit
viel früher erreicht, als es die äußere Belastung der Komponente
erwarten läßt. Deshalb sollten bei der konstruktiven Gestaltung
eines keramischen Bauteils als Kerben wirkende geometrische
Formen (Spannungskonzentrationen) vermieden oder zumindest
nur in abgeschwächter oder optimierter Form verwendet werden.
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| Dagegen ist die hohe Druckbelastbarkeit eine besondere Stärke
keramischer Materialien. Eine keramikgerechte Konstruktion nutzt
diese Eigenschaft möglichst optimal aus und hält jene Bereiche
möglichst klein, in denen das Teil zug- oder biegebelastet wird.
Insbesondere sollten in den zugbelasteten Bereichen starke Spannungskonzentrationen
vermieden werden. Diese Grundsätze werden oft nicht ausreichend
beachtet meist deshalb, weil versucht wird, eine Komponente,
die ursprünglich "metallisch" ausgelegt war, formgleich
in eine keramische Version zu überführen. Dies erhöht nicht
nur die Herstellungskosten, sondern stellt gelegentlich auch
die generelle Machbarkeit des Produkts in Frage. |
Werkstoffverbund optimiert Verschleißschutz
Besonders das Einbinden keramischer Komponenten in metallische
Baugruppen erfordert eine Reihe von konstruktiven Besonderheiten.
Diese zu beachten ist wichtig, werden doch in den meisten
Anwendungsfällen einzelne Komponenten aus keramischen Werkstoffen
mit benachbarten metallischen Bauteilen und Baugruppen verbunden.
Dies ist u.a. bei verschleißanfälligen Konstruktionen der
Fall, wie der Auskleidung von Schüttgutrinnen. Solche Werkstoffverbunde,
also Bauteile, in denen die Keramik gezielt an besonders problematischen
Stellen eingesetzt wird, haben ein besonders chancenreiches
Marktpotential. Denn in Zukunft wird es mehr und mehr darum
gehen, Werkstoffe wie Keramiken als Problemlöser gezielt einzusetzen.
Grundsätzlich raten Fachleute zu dieser Konzeption: Keramik
in den verschleißbedingten Problemzonen, ansonsten bleibt
die Konstruktion möglichst aus Metall. Die Keramik wird hierbei
mittels einer kombinierten Fügetechnik mit dem metallischen
Grundkörper verbunden. Unter kombinierter Fügetechnik ist
die sowohl kraft- als auch formschlüssige Verbindung der Keramik
mit dem Träger zu verstehen.
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Vorteilhafte Modulbauweise
Kompliziert geformte oder große Keramikkörper lassen sich
mit den üblichen Formgebungsverfahren (s.u.) unter Umständen
gar nicht oder nur mit erheblichem Aufwand herstellen. Eine
vielfach praktizierte Methode ist, das aufwendige Teil in
zwei oder mehrere einfache oder kleinere Einheiten aufzuteilen,
so daß deren Fertigung wesentlich leichter ist. Es muß lediglich
von Anfang an dafür gesorgt werden, daß diese kleineren Einheiten
wieder zu einem Ganzen zusammengefügt werden können. Der Aufbau
keramischer Bauteile in Modulbauweise bietet in vielen Fällen
auch Vorteile bezüglich der Kombination von Herstellungsverfahren.
Darüber hinaus werden die Qualitätssicherung erleichtert,
die Beanspruchbarkeit angehoben und thermische Spannungen
reduziert. Beispielsweise lassen sich 4 bis 5 m hohe Isolatoren
für 550 kV (Großporzellan) aus vorgefertigten Einzelteilen
zusammenkleben oder zusammenglasieren. Für das Fügen von gleichen
Materialien (Keramik/Keramik) werden verschiedene Techniken
in der Praxis bereits erfolgreich eingesetzt: |
- Garnieren und Laminieren (Einzelteile werden im Grünzustand
zusammengesetzt) mit anschließendem Zusammensintern,
z.B. Welle und Rotor bei einigen Ausführungen
des Turbolader-Rotor,
- Kleben und
- Löten.
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Adäquate Fertigungsverfahren nutzen
Ebenso wie bei der Herstellung metallischer oder polymerer
Werkstoffe besitzen selbstverständlich auch die einzelnen
Fertigungsverfahren für keramische Bauteile besondere Vorzüge,
aber auch Grenzen: |
- So können beispielsweise mit dem Schlickergießverfahren
Teile mit konstanter Wanddicke hergestellt werden, wobei
die erzielbaren Wanddicken im Bereich bis maximal einigen
Millimetern (abhängig vom Werkstoff) liegen. Planparallele
Seitenflächen sind nur mit einem erhöhten Aufwand herstellbar,
da hierdurch die Entformbarkeit des getrockneten Gießteils
erschwert wird. Formhinterschneidungen sind ebenfalls
schwierig und nur mit Hilfe von aufwendigen, mehrteiligen
Gießformen erzielbar.
- Durch Extrudieren werden üblicherweise rohr- oder stangenförmige
Teile angefertigt. Hier liegt die Fertigungskunst in der
Einhaltung des Querschnitts des Körpers und der Vermeidung
von unzulässigen Verformungen (Durchbiegung, Ovalisierung
etc.) in axialer und radialer Richtung.
- Mit Hilfe der Spritzgießtechnik ist es möglich, auch
kompliziert geformte, endformnahe Körper herzustellen.
Die Werkzeugkosten und die Zahl der zu fertigende Teile
stellen bei diesem Verfahren ganz erhebliche Faktoren
in der Kostenkalkulation dar.
- Die isostatische Preßtechnik wird unter anderem zum
Anfertigen von Rohlingen mit besonders gleichmäßiger Dichte
verwendet. Anschließend läßt sich die Keramik mit spanabhebenden
Formgebungsverfahren, wie Drehen, Fräsen, Bohren, Schleifen
oder Sägen (mit Diamantwerkzeugen), im ungebrannten Zustand
weiter bearbeiten.
- Ein häufig verwendetes Verfahren für die Serienproduktion
von kleineren Teilen ist die Trockenpreßtechnik. Mit diesem
Verfahren lassen sich relativ flache Teile mit einem Verhältnis
von Höhen- zu Wandstärken kleiner vier (in Sonderfällen
kleiner acht) und keinen zu starken Höhenunterschieden
(Sackbohrungen, Stufen etc.) wirtschaftlich herstellen.
Die Preßwerkzeuge werden aufgrund der hohen Härte der
keramischen Pulver sehr stark verschleißbeansprucht. Für
die geforderte Maßhaltigkeit der Teile ist daher die Standzeit
der Werkzeuge begrenzt und hat Auswirkungen auf die Kosten.
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Fazit:
Werden einige Grundregeln für die keramikgerechte Konstruktion
beachtet, ist die Konstruktion mit Technischer Keramik nicht
schwieriger als der Umgang mit anderen Werkstoffen. Für den
Erfolg ist die enge Zusammenarbeit zwischen Keramikhersteller
und Konstrukteur wichtig: Bereits in der Planungsphase müssen
Informationen über die genaue Funktion des zu entwerfenden
Bauteils und die Eigenschaften der in Frage kommenden keramischen
Werkstoffe beschafft werden. Die Machbarkeitsstudie sollte
nicht nur die technischen Randbedingungen, sondern auch den
Kostenrahmen abstecken, um die Gefahr von Fehlinvestitionen
- auch bei Planungs- und Entwicklungskosten - möglichst frühzeitig
zu erkennen. Geradezu ideale Bedingungen liegen natürlich
vor, wenn der Konstrukteur mit der Keramik umzugehen weiß
und der Materialproduzent Verständnis für die technischen
Abläufe des Kunden hat. Dann steht einem Einsatz der Keramik
als Konstruktionswerkstoff nichts mehr im Wege.
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Keramikgerechte Konstruktionsprinzipien
Duktile (metallische) Werkstoffe und spröde (keramische)
Werkstoffe unterscheiden sich in vielfacher Hinsicht. Zwar
kann der klassische Konstrukteur auf gewisse Analogien aus
der Gießtechnik und den Fertigungsmöglichkeiten der Pulvermetallurgie
zurückgreifen, jedoch nicht bei allen Konstruktionen
technische Keramik hat eigene Gesetzmäßigkeiten
- Druckspannungen sind von Vorteil: Druckspannungen in der
Keramik sind bei der Konstruktion stets zu bevorzugen.
- Vermeidung von Spannungsspitzen und Materialanhäufungen:
Spannungsspitzen im keramischen Bauteil sind durch weiche
Übergänge an Absätzen und Kanten vermeidbar. Beim Kontakt
mit anderen Bauteilen ist auf eine große Kontaktfläche zu
achten (Flächenkontakt statt Punkt- oder Linienkontakt)
- Einfache Bauteilgeometrie: Kompliziert geformte Bauteile
sollten u.U. segmentweise aus Bauteilen mit einfacher Geometrie
aufgebaut werden. Dies erhöht häufig die Fehlertoleranz
des Gesamtbauteils und senkt die Herstellungskosten durch
eine vereinfachte Fertigung.
Wenig Endbearbeitung anstreben |
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Wie belastbar ist eine Konstruktion?
Hersteller und Anwender keramischer Bauteile beurteilen die
mechanische Belastbarkeit von Konstruktionen derzeit auf vier
Wegen:
- entsprechend der Erfahrung (intuitives Wissen),
- mit analytischer Berechnung der Spannungsverteilung oder
- mit numerischer Berechnung der Spannungsverteilung und
der Berechnung der örtlichen Verteilung der Ausfallwahrscheinlichkeit
mit statistischen Methoden.
Der Aufwand für die Festigkeitsauslegung mittels statistischer
Methoden ist sehr hoch. Allerdings lassen sich bestimmte Eigenschaften
des Werkstoffes erst mit Hilfe dieses mathematischen Verfahren
ausnutzen. Nach den gleichen Verfahrensweisen lassen sich
keramische Bauteile für die Langzeitanwendung und Ermüdungsbeanspruchung
beurteilen. Da jedoch das Versagen dieser Werkstoffe meist
auf eine Riß-Initiierung und auf Rißwachstumsvorgänge zurückzuführen
ist, ist bei besonders kritischen, hochbelasteten Bauteilen
die Anwendung der bruchmechanischen Methode in Verbindung
mit numerischen Rechenverfahren und statistischen Versagensmodellen
verfügbar. Trotz der Existenz der heutigen Berechnungsmethoden
ist die 'Erfahrung' nicht zu unterschätzen. Für weniger sensible
Anwendungen werden in der Praxis entsprechend intuitivem Wissen
und überschlägiger Berechnungen sowohl die Materialien, wie
auch die Betriebsbelastungen beurteilt und die Bauteile ausreichend
sicher ausgelegt. Nicht zuletzt stammen die wichtigsten Grundregeln
für das Auslegen keramischer Werkstoffe aus dem langjährigen
Erfahrungsschatz von Praktikern.
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| Veröffentlicht und redaktionel überarbeitet im Industrie
Anzeiger Nr. 5 vom 1.2.1999 |
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03. Juli 2003
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