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Materialica 99: Technische Keramik bewährt
sich als Trouble-shooter
Keramik-Branche will Akzeptanz verbessern
von Dipl.-Ing. Hans-Jürgen Bittermann
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Die Technische Keramik soll aus dem Schatten der 'großen' Werkstoffe
heraustreten so der verständliche Wunsch der überwiegend mittelständischen
Hersteller. Ein Rundgang auf der 'Materialica' in München zeigt, was die
Hersteller derzeit bewegt und die Branche vorwärts bringt.
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| VDI nachrichten, Lambsheim, 15. Oktober 99 Im vergangenen Jahr
produzierte die deutsche Industrie Technische Keramik im Wert von rund 800
Millionen Mark mit langfristig steigender Tendenz. Doch trotz dieser
beachtlichen Größenordnung bleibt die Keramik im Schatten der etablierten
Werkstoffe. Nur wenn ein namhafter Autohersteller eine Keramik-Bremsscheibe
ankündigt, ist das Echo in den Medien groß. Für einen neuen keramischen
Fadenführer in der Textilindustrie gilt das eher weniger. Dipl.-Ing. Wulf
Hoenen, Geschäftsführer im Verband der Keramischen Industrie, setzt deshalb
auf eine langfristige Strategie, um die Keramik aus der Exoten-Ecke herauszuholen:
"Wir müssen Basisarbeit bei der Ausbildung des technischen Nachwuchses
leisten." Denn jeder Konstrukteur setzt natürlich bevorzugt jene Werkstoffe
ein, die er bereits vom Studium her kennt.
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Was die Technische Keramik zu leisten vermag, das war auf der diesjährigen
Materialica ausgiebig zu bewundern, tummelte sich doch in München die Créme
de la Créme der Keramik-Spezialisten. Ein Rundgang zeigte schnell: Die Stimmung
in der Branche entspricht der gedämpften Konjunktur, manche berichten allerdings
auch von einem massiven Aufschwung: "In den vergangen sechs Monaten
verzeichnen wir mit Keramiken einen Auftragszuwachs von 40 %," freut
sich Dr.-Ing. Dieter Brunner, Geschäftsführer der ANCeram. Sein Hauptgeschäft:
Aluminumnitrid-Keramiken für die Leistungselektronik je mehr Leistung
abgefordert wird, desto gezielter kommen wegen der entstehenden Kühlprobleme
Keramiken zum Einsatz.
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| Auf ganz anderen Gebieten sucht Rauschert den Erfolg, neuerdings sogar
mit einer Kochplatte aus Siliciumnitrid: "Das Ziel der Industrie ist
es, der Hausfrau ein programmiertes Kochen anzubieten. Unsere Keramik-Kochplatte
ist deutlich weniger träge als herkömmliche Systeme und läßt eine saubere
Temperaturregelung zu," so Geschäftsführer Rainer Kober. Wachstumspotentiale
für Technische Keramik sieht er im übrigen bei Keramikfiltern (Nanomembranen
in der Abwasseraufbereitung), generell im Umweltschutz (Katalysatoren, Diesel-Rußfilter,
REA) und bei der Halbleiter-Herstellung. Kober: "Hohe Anforderungen
kommen der Keramik entgegen." |
| Was aus seiner Sicht die Branche stark bewegen wird, ist die zunehmende
Kundenforderung nach Systemlösungen. Demnach erwarte der Markt heute vom
Keramik-Lieferanten oft nicht nur kundenspezifische Materialien, sondern
auch einen möglichst umfassenden Service einschließlich der Montage. Der
Lieferant müsse sich vom reinen Produzenten zum Dienstleister wandlen und
in der Branche seines Kunden zunehmend Know-how aufbauen. "Eine Konzentration
auf spezifische Branchen ist für uns deshalb zwingend," ist Kober sicher.
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| Häufig zu hören war, daß die Branche unter der stereotypen Aufgabenstellung
leide, mit der Anwender an sie herantreten: 'Welche Keramik kann meinen
bisher eingesetzten Werkstoff ersetzen?' Dipl.-Ing. Martin Sembach, Geschäftsführer
der Sembach GmbH: "Ein 1:1 Ersatz ist wegen der keramikspezifischen
Anforderungen an ein Bauteil kaum denkbar. Ohne konstruktive Veränderungen
geht das normalerweise nie. Deshalb plädieren wir immer dafür, daß der Anwender
den Keramik-Lieferanten bereits vor Konstruktionsbeginn ins Boot holt."
Besonders das Einbinden keramischer Komponenten in metallische Baugruppen
erfordert eine Reihe von konstruktiven Besonderheiten. Diese zu beachten,
ist wichtig, werden doch in den meisten Anwendungsfällen einzelne Komponenten
aus keramischen Werkstoffen mit benachbarten metallischen Bauteilen und
Baugruppen verbunden. Dies ist z.B. bei verschleißanfälligen Konstruktionen
der Fall wie der Auskleidung von Schüttgutrinnen. Solche Werkstoffverbunde,
also Bauteile, in denen die Keramik gezielt an besonders problematischen
Stellen eingesetzt wird, haben ein besonders chancenreiches Marktpotential.
Denn in Zukunft wird es mehr und mehr darum gehen, Werkstoffe wie Keramiken
als Problemlöser gezielt einzusetzen. Grundsätzlich raten Fachleute zu dieser
Konzeption: Keramik in den verschleißbedingten Problemzonen, ansonsten bleibt
die Konstruktion möglichst aus Metall. Die Keramik wird hierbei mittels
einer kombinierten Fügetechnik mit dem metallischen Grundkörper verbunden.
Unter kombinierter Fügetechnik ist die sowohl kraft- als auch formschlüssige
Verbindung der Keramik mit dem Träger zu verstehen. |
| Dipl.-Ing. André Hiemann von TeCe Technical Ceramics rät, dem potentiellen
Anwender schon früh eine grobe Kostenschätzung zu signalisieren, damit nicht
erst in einer weit fortgeschrittenen Phase "unangenehme Überraschungen
das Projekt jäh stoppen". Nach wie vor gelte: "Die Keramik hat
dann die besten Chancen, wenn der Anwender dadurch einen technologischen
Marktvorteil erhält." Und Beispiele dafür finden sich in der Praxis
zuhauf: Da ist ein Pumpen-Rotor aus Keramik, der sich in 73 Betriebstunden
amortisiert; da gibt es Rinnen und Düsen, die bei nur etwa doppelten
Investitionskosten mit einer 10fachen Standzeit glänzen. Immer wieder
zeige sich auch genau bei solchen Fällen ein klarer Zielkonflikt zwischen
dem Anlagenbauer und dem späteren Anwender. Während der Betreiber sehr wohl
auf die für ihn wichtigen Life-cycle-Kosten achtet, muß der Anlagenbauer
meist in einem festgelegten Kostenrahmen bleiben. "Dann hat es die
Technische Keramik oft schwer," war zu hören. |
Ist eine Neukonstruktion unter Kostengesichtspunkten nicht möglich, bietet
sich in manchen Fällen die keramische Beschichtung an. Bestehende metallische
Bauteile werden durch das Aufbringen einer dünnen keramischen
Beschichtung in ihrer Geometrie praktisch nicht verändert, trotzdem ist
der gewünschte Verschleißschutz gegeben. Für viele Anwender ist das Beschichten
auch deshalb eine geschätzte Alternative weil man so schließlich
die geliebte metallische Welt nicht komplett verlassen muß. Unter psychologischen
Aspekten sei dies ein nicht unwichtiger Punkt, wie Dr.-Ing. Arthur Lynen,
Schunk, versichert. |
| Natürlich heißt die naheliegende Frage auf einer Messe immer: 'Was gibt
es Neues? Welche Möglichkeiten bieten die neuen innovativen Werkstoffe?'
Bei aller Liebe zu Neuentwicklungen, sieht André Hiemann durchaus Grenzen:
"Die Praxis fordert eher die kostengünstige Keramik! Daher muß auch
die Frage nach der Optimierung der vielen bestehenden Materialien gestellt
werden." |
Fazit:
Die Materialica in München zeigte, daß das Potential der Keramik bei
weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Vom exotischen Nischenprodukt entwickelt
sich die Technische Keramik zum innovativen Trouble-shooter. Und aus dem
reinen Hardware-Lieferanten wird der langfristig orientierte System-Partner.
Hans-Jürgen Bittermann
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Tabelle: Keramik als Konstruktions-Werkstoff: Werkstoffempfehlungen.
| Anforderungen |
Werkstoffe |
| mechanische Festigkeit |
Siliziumnitrid, Siliziumkarbid, ZTA (Zirkonia toughend
Alumina, Zirkoniumoxid/Aluminiumoxid), Zirkoniumoxid, Aluminiumoxid |
| Verschleißfestigkeit |
Borkarbid, Siliziumkarbid, Aluminiumoxid, ZTA, Zirkoniumoxid |
| Prall- und Stoßbelastung |
Zirkoniumoxid, ZTA, Siliziumnitrid, Aluminiumoxid |
| Hochtemperaturbelastung < 1400°C
> 1400°C |
Siliziumkarbid, Aluminiumoxid Siliziumnitrid, Siliziumkarbid,
Aluminiumoxid |
| Gleitsysteme, geschlossene Tribosysteme |
Siliziumnitrid, Siliziumkarbid, Alumiumoxid, Zirkoniumoxid |
| Temperaturschock |
Aluminiumtitanat, Siliziumkarbid, Mullit, Siliziumnitrid |
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Biokompatible Keramiken
Im Fokus der laufenden Entwicklungen stehen unter anderem keramische
Hüftgelenkprothesen. Die Erfolgsgeschichte dieser biologisch inerten Hochleistungskeramiken
begann im Jahre 1974, seitdem haben sich solche Kugelköpfe mit über 2
Millionen Implantationen zur weltweit erfolgreichsten keramischen Prothesenkomponente
entwickelt. Den neuesten Stand der Entwicklung repräsentieren Kugelköpfe
und Pfannen auf der Basis hochreiner Aluminiumoxid- sowie Kugelköpfe aus
Zirkoniumoxidkeramiken. Diese Neuentwicklungen verfügen über ein optimiertes
Gefüge, dessen Belastbarkeitsgrenze um ein Vielfaches über dem der physiologischen
Extrembelastungen liegt.
Zu den großen Herausforderungen der Werkstoff-Forschung gehört heute
die Entwicklung bioaktiver, knochenfreundlicher Keramiken. Ein entscheidender
Durchbruch gelang mit der Entwicklung bioaktiver Hydroxylapatit-Keramiken,
die als Granulat oder als Formkörper erfolgreich zur Rekonstruktion von
Knochendefekten eingesetzt werden. |
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| Veröffentlicht in VDI-nachrichten am 22.10.1999 |
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03. Juli 2003
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